Bilder mit ganz viel Story

Am vergangenen Dienstag hatten wir hohen Besuch aus Hannover. Kein anderer als Rolf Nobel, ein bekannter Fotojournalist, gab uns die Ehre mit seinem spannenden und inspirierenden Vortrag zum Thema »Storytelling – eine Anleitung zum Geschichtenerzählen in Bildern.«

»Wie Bilder zu Geschichten werden« lautete der Vortrag in unserer Ausschreibung und es gab an diesem Abend wahrlich viele Geschichten in Bildern zu durchleben – lustige, traurige und auch erschreckende Geschichten.

Rolf Nobel – Storytelling in Bildern

Zu Beginn erfuhren wir etwas über den Werdegang des Referenten. Nach seinem Fotodesign-Studium arbeitete er mehrere Jahre als Fotojournalist und durfte dabei noch die letzten »goldenen« Zeiten des Fotojournalismus mit großen und üppig honorierten Aufträgen erleben. Seine Bilder zierten große Magazine wie den Stern, Geo und andere. Seit einigen Jahren ist Rolf Nobel  als Lehrender tätig. Nach verschiedenen Stationen, u. a. an der Muthesius Kunsthochschule in Kiel, gelangte er schließlich an die hochangesehene FH Hannover im Fachbereich Fotojournalismus. Dort darf er seiner Leidenschaft – mit Fotografie spannende und mitreißende Geschichten zu erzählen – frönen und sein Wissen an den Nachwuchs weitergeben. Und das tut er mit größter Empathie, wie an dem Abend sehr wohl zu merken war! Dass er dabei auf junge Menschen mit viel Idealismus trifft, die mit Ihren Fotografien die Welt verändern möchten, trägt zu seiner Begeisterung sehr viel bei. Die Begeisterung für jungen Fotojournalismus bewog ihn dazu, das Lumix-Festival zu gründen, dass alljährlich im Sommer auf dem Expo-Gelände in Hannover veranstaltet wird, dieses Jahr vom 18.–22. Juni. Die hohe Qualität der Ausbildung an der FH Hannover und des Lumix-Festivals zeigt sich u. a. daran, dass große Sponsoren die Arbeit unterstützen.

Als Überleitung zum Thema »Storytelling mit Bildern« wurden zunächst die drei fotojournalistischen Disziplinen Essay, Serie und Reportage erläutert.

  1. In einem Essay ist der Bildzusammenhang lose und nicht aufeinanderfolgend. Die Bilder greifen nicht ineinander über. Jedes Bild muss von bester Qualität und eine Micro-Story bilden. Essays werden für große Themen verwendet, die in einer Reportage nicht darstellbar wären. Ein Klassiker für ein großartiges Essay ist die Arbeit von Robert Frank »The Americans« aus den 60er Jahren.
  2. In einer Serie sind die Bilder Varianten zu ein und demselben Thema. Ein Klassiker für eine Serie sind die Bilder über Sozioarchitektur von Bernd und Hilla Becher.  Die Motive werden vom gleichen Standpunkt und mit der gleichen Optik erstellt und fordern zum Vergleichen auf. Gleiches und Unterschiedliches soll vom Betrachter gefunden werden.
  3. Eine Reportage ist narrativ und dramaturgisch aufgebaut. Die Bilder greifen ineinander über und stützen sich gegenseitig. Im Unterschied zum Essay muss nicht jedes Foto absolut spitze sein, es geht mehr um den erzählerischen Wert. Eugene Smith gilt als der Urvater der klassischen Fotoreportage.

Reportagen und Stories können auf frei gewählten Themen basieren oder auch als Auftragsarbeit für ein Unternehmen durchgeführt werden. In der Werbung bzw. im Marketing wird zunehmend auf gutes Storytelling gesetzt, um bei den Betrachtern ein gutes Gefühl zu erzeugen, das auf die Marke überspringen soll. Im Falle von NIKON wird z. B mit werblicher Absicht ein Film über eine Fotografin gezeigt, die den Spirit Bear in den USA über Jahre hinweg fotografiert hat. Die ethischen Aussagen der Fotografin – Tiere werden beim Fotografieren nicht in ihren Gewohnheiten gestört; Fotografie ist kein Selbstzweck; Fotografie muss vereinbar mit Tier- und Umweltschutz sein etc. – sollen vom Betrachter auf die Marke NIKON übertragen werden. Der Werbefilm (von 2470media produziert) kommt ganz ohne Nikon-Logo aus. Man kommt nur sehr indirekt auf die Idee, dass es sich überhaupt um einen Werbefilm handeln könnte. Als weiteres Beispiel für gutes Storytelling in der Werbung wurde die Multimedia-Reportage Ich bin Vodafone (auch von 2470media) erwähnt, in der die Mitarbeiter von Vodafone so porträtiert werden, dass sie die Werte des Unternehmens widerspiegeln. Die Geschichte wird ständig erweitert und der Betrachter darf gespannt sein, wer als nächstes vorgestellt wird.

Nobel erkärte anschließend, was es für eine gute Reportage bzw. Story braucht – egal ob frei oder kommerziell:

  1. Einen Roten Faden, z. B.
    – eine Person (z. B. ein Herzkranker)
    – eine Location (z. B. das Krankenhaus bei einer Herztransplantation)
    – ein Thema (ein Thema ist immer teuer, weil es alle Aspekte weltweit berücksichtigen muss. Nix für freie Fotografen. Da muss man schon einen Namen haben.)
  2. Einen Rhythmuswechsel in der Geschichte.
    Ein bekannter Vertreter ist Edward Steichen, der die Fotoreportage mit Musik vergleicht. Bei den Motiven wird ein ständiger Wechsel zwischen hell/dunkel, nah/fern, groß/klein angestrebt. Die Idee dahinter: Bilder können sich in ihrer gegenseitigen Wirkung stärken oder schwächen. Die Lichtsituation, die Brennweiten, die Standorte müssen in eine rhythmische Abfolge gebracht werden. Auch die Fotoausstellungen von Edward Steichen sind wie eine Zeitschriftenseite layoutet.
  3. Eine Story muss auserzählt sein.
    Alle wichtigen Bilder müssen vorhanden sein, alle relevanten Personen und Locations müssen abgebildet werden. Bild und Text müssen eng zusammenlaufen. Ein Bild muss den Betrachter in die Örtlicheit einführen (»Establishing the place«).
  4. Eine Story muss einen durchgängigen, gestalterischen Stil haben.
    Es dürfen keine Stilbrüche vorkommen und der Erzählstil muss dem Thema gerecht werden. Dabei muss man sich zu Beginn für einen Erzählstil entscheiden. Rolf Nobel präsentierte verschiedene Reportagen mit ganz unterschiedlichen Stilrichtungen. Gezeigt wurden Arbeiten von Richard Billingham (Familienfotos), Anders Petersen (Café Lehmitz) und Boris Mikailov (Obdachlose in der Ukraine).
  5. Eine Story darf keine Redundanzen haben.
    Es darf keine unnötigen Wiederholungen ein- und desselben Motivs in leichten Abwandlungen geben (wie bei vielen privaten Diavorträgen …).
  6. Eine Story braucht einen Ein- und einen Ausstieg.
    Der Einstieg muss ein Eyecatcher sein.
    Beim Ausstieg geht der Protagonist klassischerweise aus der Geschichte heraus (z. B. reitet Django auf seinem Pferd in der Wüste davon). Beim Ausstieg ist es ausnahmsweise erlaubt, Menschen auch mal von hinten aufzunehmen, was ansonsten ein No Go ist. Das letzte Bild hat in der Regel kein Tempo mehr. Geeignet ist auch eine Abendstimmung, da der Abend der natürliche Abschluss des Tages ist (Django-Effekt).

Das sind die klassischen Aufhänger für eine Story:

  • Eine Superlative: der Größte, der Schnellste etc.
  • Eine ungewöhnliche Geschichte
  • Etwas, das noch nie fotografiert wurde
  • Trendsetting
  • Ein wichtiges gesellschaftliches Thema
  • Das Vergehen und Entstehen (Tod oder Geburt)

Nach einer Stärkungspause wurden im zweiten Teil des Vortrags verschiedene, ausgezeichnete Reportagen gezeigt – vom frei gewählten Thema bis hin zur werblichen Auftragsarbeit, von klassischer Fotografie bis hin zur Multimediareportage. Alle Arbeiten stammen von ehemaligen Studenten Nobels. Die verschiedenen Herangehensweisen, die Geschichten hinter den Geschichten, die Stile sowie die verschiedenen Aufnahmetechniken wurden während der Präsentation ausführlich und mit Herz erläutert. Dabei gelang es dem Referenten hervorragend, seine eigene Begeisterung für die Arbeiten auf das Publikum zu übertragen.

Gezeigt wurden:

Jonas Wresch: Kindheit auf dem »Cerro Rico« in Potosi Bolivia (Fotoreportage)

Insa C. Hagemann: Transition – dance of life (Fotoreportage über das Älterwerden und den letzten Auftritt einer 40jährigen Balletttänzerin)

Christian Werner : verschiedene Arbeiten (Fotoreportagen und Multmediareportagen, meist sozialkritisch)

Michael Heck: Tolstoi (Multimediareportage über eine Wohngemeinschaft in Estland)

2470media: Verschiedene Multimediareportagen wie Ich bin Vodafone, Nikon – The Spirit Bear (noch nicht veröffentlicht).

Den Ausklang machte die Multimediareportage Los Cerveceros de Quilmes – Die Bierbrauer aus Quilmes von firlefanz Communicationsdesign. Der Quilmes Atlético Club (QAC) ist der älteste Fußballverein in Argentinien. Die unbändige Leidenschaft seiner Anhängerschaft wird in dieser Multimediaproduktion – bestehend aus Fotos, Videos und schönen, animierten Grafiken – hautnah erlebbar gemacht.

Man hätte noch stundenlang weitergucken und sich in die einzelnen Geschichten vertiefen mögen. Dazu passte die die abschließende Aussage von Rolf Nobel: »Aber ist das nicht ein geiler Job, den wir da haben?«

Vielen Dank, Rolf Nobel, für diesen spannenden und inspirierenden Vortrag! Gerne wieder! Oder vielleicht sieht man sich auf dem nächsten Lumix-Festival für jungen Fotojournalismus vom 18.–22. Juni in Hannover?

Hier noch ein paar bildliche Eindrücke des Abends, die von Niko Matthäus (Müller Ditzen AG) aufgenommen wurden. Vielen Dank auch an Conny Koller aus Hamburg für die grafische Dokumentation des Vortrags.

Antoinette Rozema | medien[plan]tage, Müller Ditzen AG

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Eine Antwort auf Bilder mit ganz viel Story

  1. tinalo sagt:

    das ist ne super zusammenstellung vom tag und vortrag! danke dafür und liebe grüße, tina„.“

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